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Ice Ages - "Vibe of Scorn" oder "das Erblicken der Schönheit"

Ice Ages - Vibe of Scorn (2021)

Mit schwerem und düsterem Schlagwerk, einem verzerrten Gesang, der in diesem Output recht wabernd oder gar ein wenig gurgelnd erscheinen mag, und mit einer dunklen anmutenden und ebenso dezenten Melodie beginnt das Album mit dem Stück “Tragic Potion”. Dieses Lied erscheint mit einer hohen Erhabenheit und einer Ausdrucksstärke, die meines Wissens nach nur die amerikanischen Electro-Pioniere Front Line Assembly und vielleicht noch das deutsche Electro-Projekt Haujobb zu erreichen oder gar zu überbieten vermögen. Dieser solar-jovische (Sonne-Jupiter) Ausdruck wird vor allem durch Neptun-Pluto angereichert, die das Sehnsuchts- und Geheimnisvolle sowie das Tiefgründige ausmachen.

 

Nach nur zwei Jahren Pause hat der österreichische Musiker Richard Lederer dieses neue Werk dieser Tage in diesem Jahr 2021 mit seinem Projekt Ice Ages selbst (ohne Label) veröffentlicht. Man denke nur an das dritte Album “Buried Silence” aus dem Jahr 2008, für das er sich 8 Jahre und für das darauffolgende Album “Nullify” aus dem Jahr 2019 sich gar 11 Jahre Zeit gelassen hat.

 

Aus meiner Sicht stellt dieses aktuelle Werk den Höhepunkt seines Schaffens dar. Jedes Stück bewegt sich um die Acht-Minuten-Länge, was dafür stehen mag, dass er sich für jedes einzelne Lied nicht nur viel Zeit gelassen hat, sondern vor allem die Länge die Reife und Tiefe jedes der einzelnen Stücke dieses Albums verdeutlichen und ausdrücken. Für mich ist vor allem spürbar, dass Richard Lederer seine eigene Tiefe den Liedern zukommen lassen hat oder diese ausdrücken, was die erhebliche Ausdrucksstärke (Sonne-Jupiter) sowie die feinen und zerbrechlich wirkenden Melodien ausmachen, die einen eine tiefe Sehnsucht zu vermitteln bzw. ausdrücken weiß und einen ins neptunisch-plutonische Reich zu führen vermag.

 

Hinter der recht rau wirkenden Schale, bedingt durch den verzerrten Gesang und die dunklen und etwas kantig wirkenden Klänge, stecken Lieder voller Gefühl und Verletzlichkeit. Dabei ist es genau dieser leicht verborgene gefühlvolle und verletzliche Ausdruck, die einen das Album immer wieder anhören lassen. Denn das geahnte Wertvolle, welches man zunächst unbewusst wahrnimmt, entpuppt sich erst nach mehrmaligem Hören. Und genau das ist es, was dieses Album vor allem ausmacht: Die Schönheit, das Gefühlvolle offenbart sich nicht sofort! Der oder die Hörerin muss erst hinter die raue Fassade schauen, um die Schönheit erblicken zu können.

Und nach mehrmaligem Hören bemerkt man, dass genau diese rauen Klänge und der verzerrte Gesang die Verletzlichkeit und das Gefühlvolle hervorheben. Also genau das, was zunächst eher als schwierig und anstrengend dahergekommen sein mochte, sind die Zutaten, die die Schönheit der einzelnen Lieder und des ganzen Albums ausmachen. Man sollte sich daher nicht vom Offensichtlichen täuschen lassen!

 

So kann ich jeder Hörerin, jedem Hörer empfehlen, das Album mehrmals zu hören, um einen Zugang dazu finden und das Gefühlvolle erkennen zu können. Die Zeit, die sich der Künstler für die einzelnen Lieder genommen hat, sollte sich der Musiker beim Hören ebenso nehmen, um dem Album gerecht werden zu können. Wir erinnern uns, ich bespreche hier keine Popmusik, die man schon oftmals nach einmaligem Hören komplett erfasst hat.

 

Richard Lederer mag mit seinem Projekt Ice Ages daher für ungewohnte Ohren teilweise schwerere und zunächst schwer verdauliche Kost zubereitet haben, es lohnt sich aber, sich auf dieses Mahl (um bei der Metapher zu bleiben) einzulassen; es können dabei wundervolle Perlen entdeckt werden, die einem nicht so schnell wieder aus dem Gedächtnis und vor allem nicht so schnell wieder aus der Seele verschwinden mögen. Gerade die eher subtilen und dezenten, hintergründigen Melodien brauchen etwas Zeit, entdeckt und genossen zu werden.

 

Die Tiefe, durch die der Musiker selbst bei dem Entstehen seines Albums gegangen ist, bedarf Hörende, die sich ebenso auf ihre eigenen Abgründe einzulassen vermögen.

 

“Degradation Divine” beginnt fast rhythmisch, und so mancher Hörende mag jetzt die Hoffnung haben, ein eingängigeres Lied gar zum Mitsingen zu hören, aber weit gefehlt, diese Erwartung mag nun enttäuscht werden, bewegt auch dieses Stück sich eher im Midtempo-Bereich, wie ebenso die anderen Stücke dieses Albums. Aber gerade dieser schleppende Rhythmus und diese gefühlte Schwere tun diesem Song, wie ebenso den anderen, sehr gut und verschaffen mit den Synthesizerflächen und den Basslines eine unvergleichliche Atmosphäre, die einen in den Bann zieht.

Der oder die Hörerin, die das Schaffen von Richard Lederer ein wenig verfolgt hat, weiß, dass es bei seinem Projekt Ice Ages weniger um das Vermitteln von guter Laune geht, sondern er vielmehr den geneigten Hörenden offenkundig mittels Stimmung, Texte, Atmosphäre und Melodien auf einer tieferen Ebene zu erreichen versucht.

 

Ein etwas zugänglicheres Stück mag “As Winter Comes …” sein, welches mit einer dem Stück vorherrschenden Melodie beginnt. Diese Melodie führt durch das gesamte Lied und wird durch den sehr gelungenen und nicht nur bei diesem Stück sehr stimmigen Gesang betont. Daher ist das geniale “As Winter Comes...” auch gleichzeitig mein Anspieltipp!

 

“Vibe of Scorn” ist ein sehr atmosphärisches und ein in sich sehr stimmiges Werk geworden, das mit dem hervorragenden Gesang Richard Lederers, der Musik und dem Text eine Einheit bilden und auf ganzer Ebene zu überzeugen weiß. Von Beginn an kann er dementsprechend die Authentizität, die Qualität und die Tiefe sowie den eigenen Anspruch halten, die das Anfangsstück “Tragic Potion” verspricht.

 

Daher wage ich abschließend zu behaupten, dass dem Mastermind hinter Ice Ages mit dem aktuellen Werk “Vibe of Scorn” ein grandioses Album gelungen ist, welches sich auf höchstem Niveau bewegt. Das aktuelle Werk, das seinesgleichen sucht, wird seine Anhänger sehr erfreuen und noch weitere Hörer in seinen Bann ziehen werden.

 

Vielleicht wird dieses Album nicht außerhalb der alternativen, elektronischen Szene gehört werden, wenn, dann vielleicht nur vereinzelt. Durch die dunklen Klänge und die dichte Atmosphäre bekommen die Stücke aus meiner Sicht einen noch zusätzlichen schweren, aber auch gleichzeitig starken Ausdruck, was es verhindert, das Album nebenbei zu hören und/oder um sich nett bei einem geselligen Abend mit Freunden unterhalten zu lassen. Dafür eignet sich dann doch eher eine andere, weniger schwere und tiefgründige Musik.

 

So kann ich jedem geneigten Hörenden anspruchsvoller Musik, der bereit ist, sich von der Außenwelt zurückzuziehen und sich seelisch berühren zu lassen, dieses Album “Vibe of Scorn” ans Herz legen. Ich bin mir dabei auch gewiss, dass trotz oder gerade wegen des ernsteren und schwereren Ausdrucks des Albums es ermöglicht wird, sich durch dieses Werk unterhalten und gleichzeitig inspirieren zu lassen.

 

Wer nun befürchtet, aus diesen dunklen und “eisigen Zeiten” nicht mehr “herauszukommen”, dem oder der Hörerin sei gesagt, es gelingt, birgt dieses Album, insbesondere durch die teilweise sehnsuchtsvolleren Melodien, doch einen Hoffnungsschimmer, der bei einem einen positiven Gesamteindruck zu hinterlassen vermag.

Natürlich sei für den ungewohnten Hörer dieser Klänge geraten, sich diesen zunächst nur portionsweise auszusetzen, um die möglicherweise erste ablehnende Haltung überwinden zu können. Gelingt einem dies, kann von Schattenarbeit, dem Bewusstwerden verdrängter Inhalte gesprochen werden. Ist die Abneigung dabei allerdings zu groß, ist die Zeit dafür wohl noch nicht reif oder es ist für einen selbst einfach nicht der richtige oder stimmige Weg. Entscheiden Sie selbst...

Aber bitte bedenken Sie dabei: Gerade in dieser schnelllebigen Zeit dürfte es uns schwerfallen, uns nicht vom Äußeren blenden zu lassen und mit angestrengter Miene eine uns zunächst unangenehme Situation verlassen zu wollen. Erst mit Geduld und Ausdauer mag man fähig sein, hinter die Fassade zu blicken und nicht nur das Schöne zu entdecken, möglicherweise auch das Wesentliche zu erkennen, worum es vielleicht gehen mag.

 

Ich wünsche Ihnen viel Freude bei dem Genuss von “Vibe of Scorn” oder zumindest von dem hier empfohlenen Anspieltipp “As Winter Comes…” von Richard Lederer alias Ice Ages!

 

Anspruch/Qualität: 10 von 10 Sternen

Tiefgründigkeit 9 von 10 Sternen

Urprinzipieller Bezug: Sonne/Jupiter-(Neptun/)Pluto: Mit einem Bombast und einer Größe und damit einer Erhabenheit werden die eigenen dunklen Bereiche ausgelotet und sich dieser Kräfte bedient. Wirkung: Selbst die dunklen Kräfte können einen nichts anhaben, sondern gerade diese lassen einen stärker und größer werden und die eigene Schönheit zu erkennen geben.

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