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Bindungsangst - Die Angst vor den eigenen Gefühlen (Teil 2)

Die Angst ernst nehmen

Natürlich soll die Angst, die Bindungsangst dabei auch ernst genommen werden. Das erfordert dementsprechend ein vorsichtiges Herantasten an die jeweilige Situation und an die oder mit der jeweiligen Person gemeinsam, die die Angst auslöst. Dies kann gar einen spannenden und reizvollen Vorgang darstellen, stellen Ängste doch auch immer etwas Faszinierendes und Anziehendes dar, würde man sich doch sonst gar nicht mit ihnen auseinandersetzen. Siehe dazu meinen Hauptartikel “Ängste verstehen und auflösen!”

Es darf dabei aber nichts überstürzt werden, da sonst die Gefahr besteht, ein neues Trauma zu schaffen, anstatt das bestehende sowie die dahinter stehende Angst zu lösen.

 

Gegenseitiges Vertrauen entwickeln

Das Trauma, also die Angst, wird auch etwas mit der anderen Person zu tun haben, sonst würde die Person gar nicht auf die bindungsängstliche Person treffen und gegenseitig möglicherweise Gefühle füreinander entwickeln können. Wenn also beide füreinander Gefühle entwickeln, ist die optimale Situation geschaffen, in der beide die Möglichkeit haben, voneinander zu lernen und sich vertrauensvoll näher zu kommen. Gerade Personen mit einer Bindungsangst fehlt das Vertrauen, sich dem Gegenüber zu öffnen und sich ihm hinzugeben. Dieses Vertrauen muss sich daher erst entwickeln dürfen - und dies braucht Zeit. Vielleicht fällt genau dies der anderen Person schwer, die Geduld aufzubringen, womit möglicherweise sein eigenes Thema zum Vorschein kommen dürfte und nun darauf wartet, von ihm bearbeitet und bewusst gemacht zu werden.
 

“Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser” oder Seele und Gefühl vs. Erfolg und Karriere

Diese Redewendung scheint aus einer Zeit zu stammen, in der ein starkes Misstrauen gegenüber den eigenen Gefühlen* zu herrschen schien und dieses man versucht hat auszugleichen, in dem man das Vertrauen besser einer Kontrolle und Überprüfung unterzieht.

 

Daher hat diese Redewendung einen zu starken zeitlichen Bezug, als dass sie allgemeingültig und zeitlos wäre. Sie ist aber insofern hier ganz interessant, deutet sie doch darauf hin, dass “Kontrolle und Überprüfung” mit “Vertrauen” zu tun haben muss. Astrologisch betrachtet stimmt dies auch und entspricht aus meiner Sicht in unbewusster Ausdrucksmöglichkeit der Seele/Gefühls- und Berufsachse oder wie sie sonst genannt wird, der Individuations- und Wachstumsachse.

Vertrauen im Sinne von Urvertrauen, Vertrauen dem eigenen Gefühl gegenüber wird demnach dem Mond als Herrscher des Tierkreiszeichens Krebs und dem 4. Haus zugeordnet. Die Kontrolle, die hierarchisch betrachtet von einer übergeordneten Person oder Institution meist durchgeführt wird, wird in dem gegenüberliegenden Zeichen dem Steinbock mit dem Herrscher Saturn und dem 10. Haus verortet.

 

Demnach wurde zu dieser Zeit dem eigenen Gefühl (Mond, Krebs, 4. Haus) nicht so viel Wert und Vertrauen beigemessen wie einer höheren Instanz oder einer Autoritätsperson in der Hierarchie, also den Mächtigeren der Gesellschaft (Saturn, Steinbock, 10. Haus). Dieses Obrigkeitsdenken wurde somit dem Gefühl übergeordnet und schien damit eine höhere Wichtig- und Wertigkeit aufzuweisen als dem eigenen Gefühl zu vertrauen.

 

Selbst heute noch scheint dieses Denken in der Gesellschaft recht stark verankert zu sein. Denn die Äußerungen der Politiker (10. Haus), seien sie auch noch so unsinnig und widersprüchlich, werden teilweise immer noch mehr Gewichtung und Beachtung geschenkt als dem eigenen Gefühl. Erfreulicherweise ist dieses Denken aber nicht mehr so stark wie noch im 19. Jahrhundert und wohl noch weiter zurückliegend vertreten. Dieses scheint sich zu verändern, was daran zu erkennen sein mag, dass immer stärker solche Begriffe wie Selbstgefühl, Selbstachtsamkeit und dem stärkeren Vertrauen des Bauchgefühls zum Tragen kommt und einen stärkeren Ausdruck findet.

Sei mir diese Projektion in die Welt erlaubt! Aber wir wissen, dass jede Äußerung über die sogenannte Welt dort “Draußen” an sich nur oder überwiegend etwas über einen selbst aussagt, aber weniger über die äußere Welt. Jeder nimmt diese anders wahr, ist es doch seine eigene “äußere” Welt! Aber vielleicht nehmen Sie sie ja ähnlich wahr, wie ich es diesbezüglich tue.

 

Jedenfalls möchte ich mit dem Vergleich deutlich machen, dass bindungsängstliche Menschen dazu neigen können, andere, vielmehr aber sich selbst!, zu kontrollieren bzw. dem eigenen Gefühl eine kritische Haltung gegenüber zu stellen, die die eigenen Gefühle zu überprüfen und sie in ihren Schranken verweisen soll. Hier ist die Fähigkeit, dem eigenen Seelenleben und den Gefühlen zu vertrauen, weniger ausgeprägt. Dem seelischen und emotionalen Ausdruck wird demnach eine untergeordnete Rolle zugewiesen und muss sich möglicherweise einer inneren Autoritätsperson oder einem inneren Richter (Saturn) fügen. Diese innere Autoritätsperson kann im Außen ein strenger Vater oder auch eine strenge Mutter, ein Lehrer etc. im Leben gewesen sein, der diese Rolle innehatte.

 

Diese innere Person (Autorität, Richter etc.) kann einen dazu drängen (statt, sich dem seelischen Erleben zu widmen), seine Energie dem beruflichen Wirken zur Verfügung zu stellen. Damit kann man davon ausgehen, dass das berufliche Wirken, die Karriere dieser Personen überbetont wird. Das Seelen- und Gefühlsleben wird dann noch verstärkt in den Hintergrund geschoben, damit sich der berufliche Erfolg, die erfolgreiche Karriere einstellen kann (Saturn, Steinbock, 10. Haus).

Um es psychologisch und nach dem freudschen Abwehrmechanismus auszudrücken, kann die Übertreibung des beruflichen und öffentlichen Wirkens damit eine Kompensation für den fehlenden emotionalen Ausdruck und das fehlende oder zu wenig ausgeprägte (verdrängte) seelische (Er)Leben sein. Hinweise von anderen Personen, denen dies auffällt, kann dann entgegnet werden, dass keine Zeit wäre, um sich den emotionalen Dingen zu widmen, da man beruflich ja so eingespannt sei.

 

Ich möchte hier am Rande noch betonen, dass mit dem Bauchgefühl und dem Seelenleben nicht die Intuition und die innere Stimme gemeint sind! Oftmals fällt es schwer, diese beiden sowohl begrifflich als auch in der Wahrnehmung zu unterscheiden, weswegen diese häufig synonym verwendet werden. Das Bauchgefühl wird dem Mond, dem Krebs und dem 4. astrologischen Haus zugeordnet, die Intuition Neptun, Fische und dem 12. Haus. Dies sind demnach zwei unterschiedliche innere Vorgänge! Das Bauchgefühl greift auf vergangene Erlebnisse und Erfahrungen zurück, die Intuition oder die innere Stimme ist ein mediales Geschehen, welches das kollektive Unbewusste mit den Archetypen (C. G. Jung) anzapft. In dem 12. Haus oder eben dem kollektiven Unbewussten sind ebenso die Traumbilder, Märchen und Mythen verortet.

 

Das vorherrschende Thema scheint jedenfalls dabei dementsprechend Vertrauen zu sein. Hat bis dato das Kontrollverhalten die Partnerschaften oder Begegnungen der bindungsängstlichen Person beherrscht, so wird in dem gleichen Maße wie das Vertrauen bei jeder weiteren Partnerschaft zunimmt, das Kontrollbedürfnis abnehmen. Der Versuch, sich selbst und möglicherweise ebenso das Gegenüber zu kontrollieren, um ihn möglicherweise auf Abstand zu halten und sein Verhalten einschätzbar zu machen, wird dabei zunehmend aufgegeben werden können.

 

Mit dem zunehmenden Vertrauen wird es folglich möglich sein - lassen wir dabei mal andere Faktoren wie mögliche weitere Ängste und Hemmungen außen vor -, dass eine erfülltere Partnerschaft erlebt wird, in der man sich dem oder der Partnerin hingeben kann, ohne sich dabei selbst zu verlieren.

 

Und, nebenbei, auf dieser bewussteren Ebene kann mit dem Vertrauen des Bauchgefühls (Krebs, 4. Haus) ebenso das Vertrauen des Schicksals, der höheren Instanz (Steinbock, 10. Haus) einhergehen. Wir wissen ja, dass das 4. Haus und das 10. Haus (Krebs und Steinbock) eine gemeinsame Achse bilden. Mit diesem Vertrauen, dass das Schicksal (Steinbock, Saturn) schon weiß, was für mich gut ist und welche Prüfungen und Lektionen ich zu lernen habe, entsteht nicht nur eine tiefe Demut (gegenüber dem Schicksal), sondern ebenso eine Leichtigkeit, denn die Auflehnung gegenüber dem Schicksal schwindet dadurch.

 

* Es ist dabei auch möglich, dass sich das fehlende Vertrauen auf den Glauben bezieht. Ich lasse dies aber mal hierbei außen vor, fühlt es sich für mich stimmiger an, dies auf das Gefühl zu beziehen.

 

Von John William Waterhouse - http://www.geocities.com/SoHo/Cafe/9667/echoandnarcissus.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5921436
Von John William Waterhouse - http://www.geocities.com/SoHo/Cafe/9667/echoandnarcissus.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5921436

Narziss und Echo

Sehr schön passt aus meiner Sicht dazu der Mythos von Narziss und Echo, in dem sich Echo in Narziss verliebte, Narziss aber die Liebe nicht annehmen, geschweige denn erwidern konnte, da er nicht die Gelegenheit bekam, seinen Selbstwert und ebenso wenig seine Selbstliebe zu entwickeln.

 

Zum Mythos in Kurzform:

Aufgrund einer Weissagung, dass er sterben würde, sobald er sich selbst erkennen würde, nahm seine Mutter ihm die Möglichkeit, sich im Spiegel zu sehen. Seitdem hörte er nur von anderen, dass er besonders schön sei, ohne sich selbst dessen bewusst zu sein.

 

Eines Tages verliebte sich Echo in ihn, der es nicht möglich war, zu sprechen, außer das letzte Wort des Gesagten eines anderen zu wiederholen. Da sie sich auf sich selbst nicht durch Worte aufmerksam machen konnte, fing sie an, mit Zweigen des Buschs zu rascheln, an dem sie stand. Daraufhin sprach er zu ihr, dass sie hervorkommen möge, worüber sie sich sehr freute. Als er sie sah und sie nichts weiter tat, als sein letztes Wort zu wiederholen, schickte er sie fort mit den Worten: “Es kann nichts geben zwischen jemandem wie dir und dem schönen Narziss”.

Sie war daraufhin derart verletzt, dass sie ihn verfluchte, in dem sie gedanklich zu den Göttern sprach: “Der junge Mann möge eines Tages den Schmerz vergeblicher Liebe erfahren.”*

 

Er blickte in den Teich, an dem er saß und sah sein Spiegelbild und wollte sich auf diese Weise selbst küssen, wodurch sich jedoch die Wasseroberfläche zu bewegen begann und sein Spiegelbild zerstört wurde. Dies wiederholte er über einen sehr langen Zeitraum, Wochen gar Monate, bis er letztlich voller Kummer und Leid darüber hinweg starb. Der Fluch der Echo scheint sich erfüllt zu haben, seine Liebe wurde nicht erwidert und erfüllt.

 

Aufgrund dessen, so die Interpretation von Liz Greene und Juliet Sharman Burke, dass er nicht die Möglichkeit bekam, sich im Spiegel seiner Selbst ansichtig zu werden, war er von den Meinungen anderer über ihn abhängig. So entwickelte er nicht nur die Meinung, dass er sehr hübsch sein muss, sondern ebenso entwickelte er in seiner Kindheit erhebliche Selbstzweifel und eben eine tiefe Abhängigkeit von den Urteilen anderer. Er bekam durch die Wegnahme des Spiegels nicht die Möglichkeit, als eigenständige Persönlichkeit betrachtet zu werden und sich selbst wertschätzen zu können. “Ohne die Fähigkeit zur Selbsteinschätzung können wir die Liebe anderer nie vertrauen” **, so stimmiger weise die beiden Autorinnen des Buches.

 

Mit der fehlenden Möglichkeit, sich emotional auf sich selbst beziehen zu können und alle Aspekte der eigenen Persönlichkeit erlebt oder zumindest wahrgenommen zu haben, ist diese Person von den Meinungen und Urteilen anderer abhängig. Denn so kann sie sich nicht auf ihre eigenen Gefühle verlassen und ebenso wenig auf ihr eigenes Urteil, da sie sich selbst nicht vertrauen kann.

 

* Liz Greene und Juliet Sharman Burke - “Die mythische Reise - Die Bedeutung der Mythen als ein Führer durchs Leben”, S. 134

** ebd., S. 136

Gegenseitige Achtsamkeit

Dieses fehlende Vertrauen erfordert auf beiden Seiten einen achtsamen Umgang mit sich selbst und damit auch mit dem Gegenüber. Gerade im Bezug zur anderen Person ist die Möglichkeit gegeben, Achtsamkeit zu entwickeln und dies im Umgang mit ihm zu lernen. Dies gilt dabei für beide Seiten, kann es doch auch ein Thema für die andere Person sein, unabhängig davon, ob sie eine Bindungsangst aufweist oder nicht.

 

Für diese Person kann sich diese mögliche Jungfrau/Chiron-Thematik (Achtsamkeit, Verletzlichkeit, seelische Verletzung…) in einem ganz anderen Lebensbereich als vorrangig in Begegnungen (7. oder 8. Haus) zeigen. Dennoch kann es für sie sehr heilsam sein, sich gemeinsam mit einer bindungsängstlichen Person, die die Wunde (Chiron) im Bereich tiefe Beziehungen aufweist, mit diesem Thema Achtsamkeit auseinanderzusetzen und zu leben. Eine Verbindung dieser Thematik, ein gemeinsames Erleben einer fehlenden oder nicht bewusst gelebten Achtsamkeit kann oder wird es zwischen den beiden aus meiner Sicht schon geben. Es sind natürlich noch andere Szenarien möglich. Davon aber unabhängig ist zu erwarten, dass die bindungsängstliche Person stets die Möglichkeit bekommen wird, ihren Selbstschutz und ihr Vertrauen in einem ähnlichen Rahmen oder in einer ähnlichen Situation zu entwickeln, in dem sie verletzt wurde.

 

Mit dieser gemeinsam entwickelten und/oder gelebten Achtsamkeit sowie dem zunehmenden Vertrauen ist es nicht nur möglich, sich selbst gerecht zu werden und einen achtsamen und vertrauensvollen Umgang mit sich und dem anderen zu ermöglichen. Sondern darüber hinaus wird es ebenso möglich sein, sich in der Beziehung auf einer tieferen Ebene anzunähern und zu begegnen und dabei die Beziehung selbst auf einer neuen Art und Weise zu erleben und sich dabei im Wechselspiel neu zu entdecken.

 

Die Bindungsangst stellt damit einen wundervollen Schatz an Möglichkeiten dar, sich selbst zu entdecken und in Bezug zum Gegenüber sich neu kennenzulernen und eine erfüllte Beziehung mit sich selbst und mit seiner Partnerin oder seinem Partner einzugehen und Selbstliebe zu entwickeln.

 

Abschließende Worte

Die Liebe ist wohl das schönste und zugleich mächtigste Gefühl, was der Mensch empfinden kann. Selbst die Götter waren diesem mächtigen Gefühl ausgeliefert, wie schon allein der griechische Mythos es uns mit seinen einzelnen Geschichten zeigen möchte. Beispielsweise Apollon soll aufgrund seiner unerwiderten und unerfüllten Liebe zu der Nymphe Daphne in den Wahnsinn gefallen sein. Kriege sind dadurch entstanden, wie der trojanische, der ausgelöst worden sein soll durch die Entführung Helenas, der Ehefrau von Menelaos. Ebenso Zeus (ebenso wie viele andere Götter) war vor der Liebe nicht geschützt und verliebte sich unzählige Male ganz zum Leidwesen seiner Ehefrau Hera und löste damit nicht nur Schönes aus, sondern ebenso viel Schmerz und Unheil.

 

Dabei mag es nicht verwunderlich sein, dass die Liebe uns zu einem Verhalten verleiten mag, welches nichts mehr mit Vernunft und Logik zu tun hat. Ebenso wenig mag es verwunderlich sein, dass wir bar jeglicher Logik uns mitreißen und unsere Grenzen darnieder reißen zu lassen. Wir können uns in einen Menschen verlieben und uns dabei selbst verlieren. All dies ist menschlich und vermag sich auch zunächst als sinnvoll anfühlen, denn so bekommen wir den Geschmack davon, wie es ist, sich ganz dem Gefühl der Liebe und dem Anderen hinzugeben.

 

Auf unserem Wege zu uns selbst, zu unserer Selbsterkenntnis mögen wir irgendwann dabei erkennen, dass all diese irdische oder venusische Liebe zu einem Menschen oder irgendeinem irdischen Wesen darauf abzielt, uns selbst zu lieben. Dies ist uns besonders deutlich, wenn wir uns verlieben, denn dann können wir spüren, dass diese Liebe viel größer und weit umfassender sein kann, als wir bis dahin annahmen. Wenn wir uns in jemanden verlieben, haben wir nicht selten das Gefühl und das Bedürfnis, die ganze Welt, ja, das ganze Universum zu umarmen, alles um uns herum erscheint dann rosarot und wunderschön.

 

Dies lässt schon ein wenig erahnen, dass es dabei um eine andere als der venusischen, der partnerschaftlichen Liebe geht, als vielmehr um die allumfassende, neptunische Liebe, die in der Tat keine Grenzen mehr zu kennen scheint. Es geht letztendlich dabei aber nicht darum, sich im anderen zu verlieren und dabei die eigenen persönlichen Grenzen aus den Augen zu verlieren, sondern ganz bei sich zu bleiben und seine eigenen emotionalen und seelischen Bedürfnisse zu erfüllen und seinen eigenen Werten nachzugehen.

 

Klaus Dörner und Ursula Plog (sowie andere Autoren dieses Buches) haben in ihrem Standardwerk “Irren ist menschlich” geschrieben, dass Einfühlungsvermögen nur möglich ist, wenn man sich in sich selbst einfühlen kann. Wie Recht sie damit haben! Diese neptunische Fähigkeit des Einfühlens zeigt dabei sehr deutlich an, dass die Liebe, die man für sich selbst empfinden kann, ferner auch für jedes andere Wesen, gar für die ganze Natur, die Welt und das Universum empfunden werden kann. Aber auch nur dann! Denn wie kann jemand, der sich selbst nicht anzunehmen bereit ist, andere, geschweige denn die Welt annehmen und lieben?

 

Die venusische Liebe vermag einem die eigenen Ich-Ansprüche kurzzeitig vergessen zu lassen, die neptunische, die allumfassende Liebe jedoch reißt das Ego mit sich und lässt es in unserem Selbst aufgehen, damit wir der- oder diejenige (oder soll ich schreiben: dasjenige) werden, zu dem wir uns mit unserer Geburt auf den Weg gemacht haben.

 

Ich werde diesen Artikel und wohl auch die gesamte Reihe um die Bindungsstörungen und Beziehungen herum nun mit diesen Zitaten von Hermann Hesse abschließen:

 

“Ohne Persönlichkeit gibt es keine Liebe, keine wirklich tiefe Liebe.”

 

“Ohne Liebe zu sich selbst ist auch die Nächstenliebe unmöglich.”

 

“Kein Mensch fühlt im andern eine Schwingung mit, ohne daß er sie selbst in sich hat.”

 

Ich bedanke mich nun abschließend bei all den Menschen, die mich zu diesem Artikel sowie den vorhergehenden Beiträgen inspiriert haben und sozusagen die Geburtshelfer waren. Ich brauche sie hier nicht namentlich zu erwähnen, werden sie es bestimmt wissen, sollten sie diese lesen.

 

Ich wünsche Ihnen eine tiefe Begegnung mit sich selbst, die es Ihnen erlauben möge, die Erfüllung und die Liebe zu erfahren, die sie sich wünschen!

 

Herzlichst!

Michael Bitter

Nachtrag

Ich bin in diesem Artikel nur kurz auf die Abhängigkeit und ebenso wenig auf das dahinter stehende fehlende Selbstwertgefühl eingegangen, da ich dies schon hinreichend in dem Artikel “Verlustangst - die Angst, die toxische Beziehungen entstehen lässt” dargestellt und besprochen habe. Genauso wie der Inhalt dessen für den Artikel “Verlustangst” gültig ist, stellt er ebenso für diesen die gleiche Aussagekraft dar.

 

Eine komprimiertere Version der Deutung und Besprechung der Bindungsangst habe ich dem vierten Teil meines Beitrages “Ängste verstehen und lösen!” hinzugefügt.

 

Verwendete Literatur

Liz Greene/Juliet Sharman-Burke - Die mythische Reise - Die Bedeutung der Mythen als ein Führer durchs Leben, Atmosphären Verlag, 2004, (englische Originalausgabe, “The Mythic Journey - The Meaning of Myth as a Guide for Life” by Simon & Schuster East Roseville, Australien)

 

Klaus Dörner/Ursula Plog: Irren ist menschlich - Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie

Ich habe dieses Werk während meines Studiums gelesen. Ich war von diesem oben zitierten Satz so angetan, dass ich mir diese Äußerung über die ganzen Jahre, gar Jahrzehnte bis heute gemerkt habe. Daher kann ich auch leider nicht mehr genau sagen, auf welcher Seite, ich dies gelesen habe und welche Auflage etc. dieses Buch hatte.

 

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